Seit bald einem Jahr verdichtet sich das Gespräch zwischen HyperWerk und dem Museum der Kulturen Basel. Angestossen wurde es durch die Tatsache, dass das MKB auf dem Dreispitz ein faszinierendes Lager mit Sammlungsobjekten betreibt – das nur so vibriert von packender Sinnlichkeit und von nachhaltigem Handwerk. Diese Sammlung verkörpert ein reichhaltiges Vokabular gestalteter Arbeitsprozesse. HyperWerk hat sich gefragt, wie man heute mit dieser enormen Ressource produktiv arbeiten könnte.

Unsere Thematik „Arbeit als Erfindung“ deutet einen reichen Möglichkeitsraum an, und sie verdeutlicht die Behauptung hinter dem Begriff der Arbeit. Wir wollen den immensen Handlungsdruck, der in Arbeitsfragen oft das Sagen hat, gegen einen spekulativen und sinnlichen Raum eintauschen, in dem wir zuhause sind. Verstanden haben wir unsere Position selber noch nicht so ganz, deshalb haben wir das hier dokumentierte Gespräch veranstaltet.

Damit  soll eine wesentliche inhaltliche Auseinandersetzung unseres Instituts zur Postindustrialität vermittelt werden. Das Leitungsteam von HyperWerk setzt voll auf diese Thematik und freut sich über die entsprechende, auf mehrere Jahre angelegte Partnerschaft mit dem Museum der Kulturen.

Hier ein Ausschnitt einer Rede vor Studierenden von Prof. Mischa Schaub, Institutsleiter HyperWerk zum Thema „Arbeit als Erfindung“

Kürzlich war ich drei Wochen in Japan, und seitdem denke ich anders nach über Arbeit, Zeit und Respekt. Lassen Sie mich also mit einer Reiseerfahrung beginnen, die ich bei einem Hersteller von Teekesseln erlebt habe.

Seit 350 Jahre wird die von mir besuchte Werkstatt an ihrem ursprünglichen Ort in Kyoto von derselben Teekessel-Dynastie betrieben. Kürzlich hat die Familie ein mehrstöckiges Museum über der Werkstatt gebaut. Aktuell hat die Firma einen Chef und zwei Handwerker. Einer der Handwerker hat uns seine Arbeit vorgestellt.

Diese Kunst lernt man während zehn Jahren. Ein Handwerker macht immer seinen ganzen Teetopf, von A bis Z. Das Entwurfswissen wird mit Hilfe von Holzschablonen festgehalten. In der Werkstatt steht ein Gestell, das Hunderte dieser Konturen enthält, neben einer läppisch zusammengeschustert wirkenden Drehbank, auf der man sitzen und eine dieser Schablonen um ihre Achse drehen kann, um so die Töpfe in den Gusssand hinein zu formen. Doch diese vermeintlich so gebastelte Drehbank kann auch eckige Körper mit Hilfe ergänzender Schablonen formen.

Muster werden später dann von Hand in diese Form gedrückt und gekratzt. Der Vorgang ist kompliziert, er dauert. Ein Handwerker macht, wenn alles gut kommt, bis zu vier Teetöpfe pro Jahr. Aber oft sind es weniger, denn Fehlgüsse lassen ihn wieder bei Null anfangen. Die Töpfe sind aus Gusseisen. Der Handwerker entwirft und kommuniziert im Sand, der überall auf dem Boden liegt. Mit einem Stöckchen illustriert er uns die Prinzipien seiner Arbeit. Der Vorgang ist faszinierend, denn der Handwerker ist schlau und motiviert, und ganz selbstverständlich verzichtet er auf die sich aufdrängenden Optimierungstricks und Technologien der Massenproduktion. Er verfolgt eine

Schönheit, die da ist. Sie lässt sich glücklicherweise auch seit Jahrhunderten erfolgreich verkaufen. Angeregt von diesem Erlebnis, frage ich mich seither, was wir als Designer überhaupt noch in dieser Welt versuchen sollen. Ist der heute so bedrohte und vielbesungene industrielle Arbeitsplatz eventuell gar ein verfehltes Konzept? Mit der Frage „Arbeit als Erfindung“ deutet HyperWerk eine neue Haltung an. Wir fragen uns, wie und woran man überhaupt noch arbeiten soll, denn diese Frage wird zentral werden für die kommende Generation.

Heute suchen viele Kreative den nahezu vergessenen Freiraum, Erfindung nicht mehr als Gewinnmöglichkeit zu verfolgen. Sie verfolgen Formen der Optimierung, die nicht zerstörerisch wirken – behutsam hergestellte Objekte, die die Welt feiern, in der wir sein dürfen.

Die Kreativen dieser Welt konnten tausende von Jahren auf unproduktive Weise tätig sein, bis die Ingenieure über uns hereingebrochen sind. Die industrielle Endstufe mit ihrem dynamischen Imperium der Controller, Automatisieret, Programmierer, sie wird uns voraussichtlich zur Singularity führen, wie das Erstarken der Technologie als autonomes Technikwesen genannt wird, das sich selber zu optimieren vermag. Dazu braucht es uns Menschen leider nicht mehr. In solch einer Situation wird es umso wichtiger, dass wir befriedigende, beglückende Arbeitsprozesse finden und erfinden – sie sollen überraschend sein, ohne die Menschheit gleich zu überrollen. Sie sollen von einem minimalen Ressourcenverbrauch ausgehen, ausser im Bereich der menschlichen Arbeitszeit – denn davon sollten wir möglichst viel in einer wertschöpfenden Weise zu binden versuchen.

Es gilt, Arbeit an sich, im Kontext postindustrieller Verhältnisse, als Erfindung zu verstehen. Es geht uns also nicht um neue Arbeitsplätze, nicht um die verschärfte Perpetuierung der tristen Gegenwart, sondern um die Gestaltung der postindustriellen Existenz. Darin findet sich auch die Kooperationsabsicht von HyperWerk mit dem MKB zur Thematik „Arbeit als Erfindung“. Gestaltung kann sich heute also nicht mehr damit begnügen, verbesserte Objekte zu entwerfen – diese herkömmliche Form der Weltoptimierung beschleunigt bloss die Vernutzung von Welt.

Wir suchen eine zeitgemässe Arbeit, die uns weder umbringt noch abschafft. Die uns feiert, die uns Stolz zurückgibt, die uns begleitet. Wir brauchen Arbeit, die Zeichen setzt, die dem Menschen wieder eine Rolle einräumt, die er nahezu schon verspielt hat. Anhand von Sammlungsobjekten des Museums der Kulturen Basel wollen wir Qualitäten unproduktiver Arbeitsformen nachgehen – wir meinen dies voller Respekt. Die Massenproduktion vernichtet kostbare Qualitäten des Vergnüglichen, des Einzigartigen, des Originals. Dazu entwickeln wir eine neue Verbindung von high Tech mit Handwerk, die wir slow robotics nennen. Dies soll Produktionsformen eröffnen, die rücksichtsvoll sind gegenüber ihrem gewachsenen Ausgangsmaterial. Dass beispielsweise japanische Holztempel nun schon 1200 Jahre halten, wird möglich durch einen anderen Umgang mit Holz, dessen individuelle Werdensgeschichte berücksichtigt wird beim Bau, was eine wesentliche Basis der japanischen Zimmermannsarbeit darstellt. Wie kann der Baumarkt- Käufer eines Balkens aus dem Sägewerk denn noch wissen, wie ein Baum im Wind gestanden hat, und wie hoch am Berg er gewachsen ist?

Wir wollen Arbeitsformen erfinden, die leistungsfähige Technologien unter neuen Axiomen zu nutzen suchen. Alternativ genutzt Roboter und Programmierwerkzeuge sollen dem Handwerk die differenzierte Reaktion auf vorhandene Gegebenheiten des Materials wieder schenken. Damit schaffen wir kostbare Einzelstücke, die von menschlicher Intensität und von technischer Meisterschaft geprägt sind. Das nennen wir „slow robotics“, und darum bauen wir den design-incubator „postup“ auf. Damit versuchen wir, unseren Anspruch als Institut für postindustrial design einzulösen.