POSTINDUSTRIAL DESIGN

Über den Zusammenhang von Entwerfen, Produzieren, Gebrauchen

„Prozessgestaltung“, „Postindustrial Design“, „Interaktionsleitung“ – das sind Begriffe, die emblematisch in beinahe jedem Text über das Studium am HyperWerk auftauchen. Im folgenden Beitrag wird es vor allem um Prozessgestaltung gehen (die richtiger, aber weniger anschaulich kommunizierbar, prozessuale Gestaltung heisst), wobei der Stellenwert von Interaktion – in welchen Konstellationen auch immer – und insbesondere der Zusammenhang zum postindustriellen Designverständnis hoffentlich deutlich wird.

Im Titel dieses Beitrages wird bereits angedeutet, worin die wesentliche Qualität von Prozessgestaltung bestehen soll, nämlich in der Aufhebung der herkömmlichen Trennung von Entwerfen, Produzieren und Gebrauchen. Stattdessen – das folgt daraus – denkt Prozessgestaltung alle drei Felder als Bereiche des gestalterischen Handelns zusammen. Die traditionelle, in der Regel auch weiterhin existierende Trennung dieser Bereiche ist dabei ebenso industriegesellschaftliches Erbe wie das produktfixierte Verständnis von Gestaltung.

Um der Frage nachzugehen, auf welche Weise sich ein postindustrielles Designverständnis durch prozessuale Gestaltungsstrategien der Veränderung industriegesellschaftlicher Verhältnisse annehmen kann, wäre ein Blick zurück auf eben diese Verhältnisse durchaus von Vorteil. Nicht zuletzt ergeben sich daraus auch wichtige inhaltliche Hinweise für alle diejenigen, die sich erst einmal und ganz grundsätzlich, manchmal am Rande der Verzweiflung fragen, was denn postindustrielles Design überhaupt sein soll. Immerhin ist der Begriff „Industriedesign“ an eine konkrete gesellschaftliche Institution – die Industrie – und an den ästhetischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Ausdruck einer ganzen Ära gebunden. Aber hat man je von einer „Postindustrie“ gehört? Dem assoziativ-spontanen Verständnis dessen, was mit postindustriellem Design gemeint ist, sind also einige Hindernisse in den Weg gelegt, die sich unter anderem vor allem aus der Bildhaftigkeit, die die Industriegesellschaft und das Industriedesign nach wie vor für uns haben, ergeben – eine Bildhaftigkeit oder Anschaulichkeit, die dem Postindustriellen oder gar dem postindustriellen Design vollkommen abgehen.

Um den Übergang vom (produktfixierten) Industriedesign zum (prozessualen) postindustriellen Design verstehen zu können, wäre es also wichtig, sich hier zunächst von der Ebene der Anschauung zu lösen und sich stattdessen vor allem den strukturellen Eigenschaften einer industriellen Produktionsweise zuzuwenden, die unser Denken und Handeln weiterhin stark beeinflusst – auch wenn sich die gesellschaftliche Realität längst radikal verändert hat.

Einige der wesentlichen Prinzipien der Industriegesellschaft im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert bestanden in der für die Massenproduktion unverzichtbaren Typisierung und Modularisierung von Produkten sowie in der Taylorisierung und hochgradigen Ausdifferenzierung arbeitsteilig organisierter Produktionsabläufe – dies alles im Interesse grösstmöglicher Effizienzsteigerung und Rentabilität.

Damit waren zugleich die Voraussetzungen gegeben, unter denen das industrielle Gestalten – eine der wichtigsten Neuformierungen bestand in der Entwicklung des Industriedesign – die herkömmlichen kunsthandwerklichen und kunstakademischen Gestaltungsvorstellungen grundlegend veränderte. Sämtliche gestalterischen Aktivitäten waren auf einen einzigen Zweck gerichtet, der im Produkt und seiner Adaptionsfähigkeit auf die industrielle Massenproduktion bstand.

Die mit der Industriegesellschaft zu Hochform aufgelaufene und dort systemnotwendige Arbeitsteiligkeit zwischen Entwurf (zugerichtet auf das Produkt), Produkt (als massenhaft produzierbares) und Gebrauch (im Sinne von Konsum und Verbrauch des Produkts) spiegelt sich noch heute in Ausbildung und Gesellschaft im voneinander getrennten Verständnis von Entwurf, Produkt und Gebrauch.

Die Bedingungen, die das Enstehen solcher Trennungen begünstigten und legitimierten, haben sich indes mit der Entwicklung der Informationstechnologien radikal verändert. Entstanden sind nicht allein veränderte Organisationsformen der Arbeit. Es werden damit zugleich auch die Möglichkeiten eröffnet, Entwurf, Produkt und Gebrauch als integrierte, im Verständnis von Gestaltung nicht trennbare Bereiche neu zu verstehen und umzusetzen.

Dieses integrierte Verständnis gestalterischen Handelns ist inzwischen mehr denn je gefordert, wenn die aktuellen gesellschaftlichen, ökonomischen und okologischen Konflikte und Problemlagen angegangen werden sollen. Weder treten sie disziplinär verkürzt auf, noch können sie in dieser Begrenzung verstanden werden. Sie sind industriegesellschaftlich (mit)verursacht, lassen sich jedoch mit den institutionell konservierten Werten, Denkweisen und Vorstellungen der Industriegesellschaft nicht angehen oder gar lösen. Ganz gewiss können diese Probleme nicht oder nicht allein durch Gestaltung überwunden werden, aber Gestaltung ist ein wichtiger kultureller Austragungsort damit verbundener Auseinandersetzungen.

Eine inzwischen gängige Form gestalterischer ‚Modernisierung‘, vor allem in der Ausbildung, ist der Anspruch auf Interdisziplinarität, der mit der Intention verbunden wird, die Grenzen zwischen einzelnen Disziplinen aufzubrechen, um so zu neuen gestalterischen Ergebnissen zu gelangen. Tatsächlich jedoch stellt sich dabei und bei näherer Betrachtung nur allzu oft heraus, dass damit eine bloss additive Praxis von Disziplinarität im Sinne des „come together“ verbunden ist. Wenn jedoch das traditionelle Verständnis von Gestaltung nach wie vor einer grundlegenden Revision bedarf, dann kann sich diese nicht in der Organisation von Interdisziplinarität erschöpfen, sondern müsste ein verändertes Verständnis von Gestaltung zunächst einmal interdisziplinär erst entwickeln. Kurz gesagt: Es geht dabei nie in erster Linie um Quantität. Auch ein Einzelner kann interdisziplinär denken, handeln, gestalten.

Die Diagnose aktueller zivilisatorischer Konflikte und insbesondere auch ökologischer Probleme erzeugt zugleich eine Schwerpunktverlagerung in der Trias ‚Entwerfen, Erzeugen und Gebrauchen‘. Sie rückt den Gebrauch unserer Lebenswelt in den Vordergrund, der mit gestalterischen Strategien beeinflusst wird, positiv wie negativ. Damit einher geht die Anerkennung der unumstösslichen Tatsache, dass wir unsere Lebenswelt verändern, indem – und vor allem – wie wir sie gebrauchen. So betrachtet werden Zusammenhänge und damit gestalterische Strategien sichtbar, in denen das getrennte Verständnis von Entwurf, Produkt, Gebrauch nicht aufrechtzuerhalten ist.

Der Philosoph und Sozialkritiker Cornelius Castoriadis hat den damit einhergehenden Perspektivewechsel so formuliert: „Der Entwurf ist die Absicht einer Veränderung des Realen, geleitet von einer Vorstellung vom Sinn dieser Veränderung, orientiert an den tatsächlichen Bedingungen und bestrebt, eine Aktivität in Gang zu setzen.“

Entwurf und Gebrauch sind zusammen zu sehen; das Produkt dagegen verliert seine prominente und bisher ultimative Einzelstellung im gestalterischen Diskurs. Im herkömmlichen Verständnis noch mit dem Anspruch definiert, als ‚Problemlösung‘ zu funktionieren bzw. funktionieren zu müssen, wird es jetzt zum Vermittler des gestalterischen Entwurfs vom Gebrauch unserer Lebenswelt. Zugleich verlässt diese Sicht auch den auf den bloss passiven Gebrauch reduzierten Benutzer von Objekten, Strukturen etc. Stattdessen verbindet sich damit der Anspruch der bewussten Aneignung von Welt durch ihren Gebrauch. Eine Veränderung des tradierten, auf die Mühelosigkeit des Verbrauchens eingeengten Verständnisses vom Gebrauch ist damit um Kommunikation/Interaktion erweitert.

Wenn die Potenziale der Informationsgesellschaft gestalterisch aufgenommen werden, dann beschränken sich diese also nicht allein auf die Optimierung von Produktions- oder Entwurfsprozessen, sondern nutzen diese Potenziale zur Verknüpfung von Gebrauch und Kommunikation als Strategien gestalterischen Handelns.

Ein Experiment der ressortübergreifenden, quer durch alle Disziplinen verlaufenden gestalterischen Praxis stellt sicher das Studium am HyperWerk dar, das sich als ein Studium der Prozessgestaltung versteht. Was damit gemeint ist, wird von den verschiedenen am HyperWerk tätigen Individuen von ebenso vielen unterschiedlichen Aspekten her untersucht. Es gibt also kein Dogma, das soll damit gesagt sein, wohl aber einige unveräusserliche Aspekte und Überlegungen, auf die hier zum Abschluss kurz eingegangen werden soll.

Wenn sich das Verständnis von Prozessgestaltung nicht allein auf ein Verständnis von Prozessen reduziert, in denen sich Ereignis an Ereignis reiht, sondern vor allem als ein Gestaltungskonzept gesehen wird, das auf Prozesse, deren Teil wir sind, Einfluss nimmt und in diese verändernd eingreift, dann ist das Verständnis von Prozessgestaltung an die weiter oben gemachten Ausführungen gebunden: Sie führt Gebrauchen und Entwerfen und Erzeugen zusammen.

Die Methode der prozessualen Gestaltung indes entspricht der gesellschaftlichen Lage, in der wir uns befinden: Wir sind alle und unentrinnbar mit automatischen Prozessen verschaltet. Und wie immer bestimmt die Lage die Methode. Denn schliesslich sind es heute, es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, die Informationen, auf denen unsere Leben, Arbeiten, Wirtschaften beruht und durch die Prozesse gelenkt und gestaltet werden, nicht mehr das singuläre, mühelos zu gebrauchende Produkt.

Wenn am HyperWerk also darauf Wert gelegt wird, dass die Projektarbeit der Studierenden stets in Verbindung zur ‚Aussenwelt‘ – sprich zu Personen und Institutionen des gesellschaftlichen Lebens ausserhalb der Ausbildung oder auch nur ausserhalb des Instituts HyperWerk – stattfindet, dann ist dies der Tatsache geschuldet, dass Prozessgestaltung in der Verbindung von Produktions- und Versuchsstätte, in der Verbindung von reflexiver und pragmatisch handelnder Instanz gesehen wird. Es geht am Ende nicht um Modelle, sondern um Eingriffe in unseren Alltag, entwickelt im Massstab 1:1, die als reale Einwürfe zur Diskussion stehen.