Jahresthema der Sedici, 2016/2017

Into the Why

Manifest 16
Sedici – Verlag der Möglichkeiten

Der Sedici-Verlag ist eine kollektive Unternehmung von Studierenden und Dozierenden des Instituts HyperWerk HGK FHNW. Sedici ist in unserem Selbstverständnis ein Instrument der Kommunikation und Verhandlung sowie Verlag der Dinge und Verlag der Möglichkeiten zugleich.

Als Kollektiv betreiben die Sedici Social Mining und graben in der Daheit nach dem Zeitgenössischen, dem Flüchtigen, dem Wetterleuchten der Erkenntnis. In der Rolle von Prozessgestalterinnen und -gestaltern denken wir in die Zukunft, um diese durch unser Handeln in der Gegenwart zu konkretisieren.

Im Akt des Mining sind wir selbst die Forschenden, die Grabenden, die Methode. Wir machen uns zu dem Werkzeug, das wir benötigen, um die intermediären und flüchtigen Stoffe zutage zu fördern, die wir in den vom Menschen ausgelösten Prozessen entdecken und festhalten. Sedici ist das Experiment, dieses abstrakte Dazwischen als Handlungsposition zu erobern und erzähl- sowie lesbar zu machen.

Unser Konzept zur Kommunikation und Veröffentlichung heisst Raw Media, seine Methode Rapid Publishing. Prozesse sind immer auch Stories. Und je nach Story wählen wir das Format der Publikation: von der Performance über das Objekt bis hin zum gedruckten und digitalen Erzeugnis. Unser Ziel ist die Initialisierung von Feedback-Loops und Beam of Fails, um diese wiederum gekonnt als Rohstoffgeneratoren zu nutzen.

Im da gibt es nichts zu verstehen, aber viel, mit dem man etwas anfangen kann.

Frei nach Gilles Deleuze und Félix Guattari aus Rhizom, Merve Verlag Berlin

Die Daheit, Mine aller Möglichkeiten

Mit der Veröffentlichung der ersten Website durch Tim Berners-Lee im Dezember 1990 begann sich die Welt gravierend zu verändern. Durch die nahezu exponentiell wachsende, globale Nutzung des Internets als neues Medium, etablierte sich eine neue Weise wie Information geschaffen, gelesen und verbreitet wird.

Bereits 2014 wurde die 1-Milliarden-Marke an Websites erstmals erreicht, im Jahr 2015 wurden an die 4 Millionen Stunden Videomaterial pro Tag auf Youtube hochgeladen, circa 4,3 Milliarden Facebook Nachrichten verschickt, an die 40 Millionen Tweets geteilt, über 3,5 Milliarden Suchanfragen täglich von Google verarbeitet und nahezu 205 Milliarden E-Mails pro tag verschickt.

Jeder User und jede Userin trägt zur Datenmenge bei, indem man Inhalte publiziert, kopiert, interpretiert, teilt, kreiert, transformiert, kommentiert und mittels Hyperlinks verknüpft. Die dabei entstehenden Daten und deren Zusammenhänge häufen sich auf diesem jederzeit zugänglichen Informationshaufen an.

Die digitale Parallelwelt scheint trotz ihrer ewigwährenden Jugendhaftigkeit das Grundgerüst unserer Zivilisation darzustellen. Unsere Wirtschaft, die Forschung und vor allen Dingen unser gesellschaftliches Miteinander gäbe es in der heutigen Form ohne diese Instanz nicht. Sie ist eine Errungenschaft in der Erkenntnisschöpfung des Menschen. Sie ist Rohstoff und Material, unabhängig und wertfrei, und dient der Schaffung von neuem.

Seit mehr als 25 Jahren wächst eine nie dagewesene, transnationale, transkulturelle und jederzeit gegenwärtige Informations- und Interaktionssphäre heran, die wir als die Daheit anerkennen. Sie ist weder hier noch dort, sie ist da.

 

Into the why

Jeder Mensch wirkt durch Gestaltung und kreiert so eine Fülle an Informationen welche verhandelt werden wollen. Das ist Teil unserer Selbstbewirkung. Das kulturelle Handeln ist der Ursprung unseres Selbstverständnisses und definiert uns als Akteure inmitten unserer Selbst. Mit der Sesshaftwerdung des Menschen begann der Kampf um Territorien. Mit der Erfindung der Schrift und der Geschichtsschreibung das Ringen um Deutungshoheit, Wissen und Wahrheit. Mit dem Internet – der grössten vom Menschen geschaffenen Ansammlung von Informationen – begann das Ringen um Einordnung, Verortung, Vernetzung und Autorenschaft.

Wir hangeln uns pausenlos von Gedanke zu Idee zu Manifest und zurück. Hashtags sind unsere Leuchttürme, unsere Screens sind die Seekarten der noch neueren Welt und ebnen damit den Weg zu neuen Ressourcen. Es entsteht dabei ein unübersehbares Universum an Informationen, bewohnt von den verschiedensten Kreaturen und Akteuren. Wir verschlingen, was uns unter die Augen kommt. Wir ernten Inhalte, von denen wir nicht wussten, dass wir, unser Geist und Körper, nach ihnen suchen. Wir handeln unmittelbar und multidimensional. Wir werten nicht, wir verwerten. Wir betreiben Digital Information Mining.

Es geht uns dabei nicht um die Ergründung und Erschaffung von institutionell tradiertem Wissen. Amateurhaftes beziehen wir ebenso mit in unser Handeln ein, wie hochkomplexe Profi-Materie. Die Daten mit denen wir wechselwirken sind weder wahr noch falsch. Die übermittelten Zeichen unterstehen einer permanenten Verhandelbarkeit durch uns selbst und lassen uns zu Autoren werden.

Wenn wir die physische Realität als kollektiv praktizierte Fiktion begreifen, dann ist die Daheit als die freie, anarchische, radikale Version davon zu verstehen. Sie benötigt weder Konsens noch Einwilligung. Einzig das übertragen, also das publizieren in den Raum, erzeugt den da-Moment. Und geht in der Daheit auf.

Unsere Beziehung zur Daheit ist vergleichbar mit der einer Mykorrhiza. Die Daheit umfasst die gesamte Spanne der Auseinandersetzungsmöglichkeiten des Menschen mit sich und seiner Umwelt und berührt dabei sämtliche Wissensgebiete, Kulturkreise und Volksgruppen. Wir schliessen nichts und niemanden aus. Wir wissen und zweifeln zugleich.

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Digitale Monaden

Digitale Monaden entstehen in der Perzeption, dem Orbiting im digitalen Informationsraum. Erst dann folgt die Apperzeption und aus diesem Moment das Entstehen einer Idee, also einem Gedanken, nach dem man handeln kann. Digitale Monaden sind erste, flüchtige Aggregatzustände, „Bodenschätze“ als Ergebnis des Digital Harvesting.

Der Sedici-Verlag ist ein erstere Versuch, die Daheit zu kultivieren und sie als Feedback Loop zu etablieren. Eine erste Manifestation der Idee. Und ein Experiment, wie weit es uns bringt.

Danke fürs Teilen!

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